Gabriele Weiß

"DIE  WURSTSTULLE" - Erfahrungsbericht

 

 

 

 

 

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"DIE  WURSTSTULLE" - Erfahrungsbericht

 

In der Frühreha im Bett: liegen - liegen - liegen. Dann die ersten Minuten sitzen im Rollstuhl.  Erst Genuss, dann Qual. Die Schwestern blieben unerbittlich.

Als ich das erste Mal schon eine Stunde lang im Rollstuhl das Sitzen aushalten konnte, wurde ich morgens von einer Schwester über den Flur in den Aufenthaltsraum geschoben. "Ab heute können Sie hier zusammen mit den Anderen frühstücken." Sie stellte für mich eine Tasse mit Griessuppe zurecht und eine Weissbrotscheibe mit Teewurst. Mein erstes festen Essen. Wie wunderbar. Und ich mag Teewurst.

Am nächsten Morgen ließ ich mich erwartungsvoll wieder zum Frühstück schieben. Ich betrachtete meinen Nachbarn, der stumm neben mir im Rollstuhl saß. Die Schwester hantierte abseits an der Anrichte. Klatsch - und ich hatte ein kleingeschnittenes Leberwurstbrot auf dem Frühstücksteller. "Guten Appetit"!

Ich mochte keine Leberwurst und schielte neidisch auf meinen Nachbarn, der ein Teewurstbrot auf den Teller bekam.

Neu war am nächsten Morgen die Frage der Schwester "was möchten Sie essen?" Ich war über die Frage so verdattert und musste erst mal registrieren, was ich überhaupt gefragt worden war und was das für mich bedeutet. Bevor ich mit dem Denken fertig war, kam: Klatsch - das kleingeschnittene Leberwurstbrot auf meinem Tisch.

Na, ja. Mir wurde klar: ich muss mich vorbereiten und gewappnet sein.

Also habe ich geübt geübt geübt. Erst habe ich fast einen Tag lang darüber nachgedacht, wie die Wurst heißt, die ich gern esse. Wie hieß das Ding bloß! Ich habe mir Situationen auf den Abendbrottischen vorgestellt. Wie diese Wurst aussieht, wie sie schmeckt, wie sie riecht. Wann ich sie wo zum letzten Mal vor den Schlaganfällen gegessen habe. Als mir der Begriff "Teewurst" endlich einfiel, konnte ich noch nicht schreiben, um diesen Namen festzuhalten und so zur richtigen Zeit parat zu halten. Also habe ich den ganzen Abend vor dem Einschlafen diesen Begriff "Teewurst" wiederholt und immer wieder wiederholt - zwischendurch war der Begriff weg - ich habe ihn mir zurückgeholt und laut vor mich hin gesagt.

Am nächsten Morgen war mein erster Gedanke: wie heißt die Wurst, die ich zum Frühstück haben will? Es dauerte eine Weile, bis ich sie wieder hatte: "Teewurst". Ich versuchte den Begriff wieder zu behalten.

Dieses Üben wurde meine Dauerkonzentration. Und dann kam die Frage der Schwester: "Was möchten Sie essen?" - Ich war vorbereitet - und doch: weg war mein Begriff. Ich wusste ihn nicht mehr. Einen kleinen Moment wartete die Schwester mit dem Messer und der Brotscheibe in der Hand, ich sah sie verzweifelt wortlos an - daraufhin nahm sie eine Leberwurststulle auf den Teller und schob mir energisch den fertigen Frühstücksteller vor meinen Rollstuhl. "

Guten Appetit!" Ich aß die Leberwurststulle dann in dem Bewusstsein: wie wunderbar, dass ich allein abbeißen und kauen und schlucken kann. Für den nächsten Morgen habe ich mir vorgenommen: diesmal schaffe ich es, zur richtigen Zeit "Teewurst" zu sagen. Wieder einen Tag lang üben. Wieder Konzentration Konzentration Konzentration.  Dann hatte ich einen Einfall: ich schob mich mit meinem Rollstuhl zum Schwestern-Beistelltisch, wo das Frühstück bereit lag. Ich suchte meine Teewurst und freute mich, sie zu sehen. Ich streckte meine Hand aus, um sie der Schwester, die gerade herauskam, zu zeigen. Sie sah mich an einer "verbotenen" Stelle sitzen, nahm den Rollstuhl und schob mich energisch und etwas tadelnd zurück an meinen Tisch. Jetzt eine strenge Frage "Was möchten sie essen? Wieder Leberwurst?" Weg war wieder mein so mühselig erarbeitetes Wort. Scheiße!

Ich bekam Leberwurst auf meinen Teller. "Guten Appetit!" - Weg war die Schwester.

Am letzten Tag in der Frühreha war eine andere Schwester für das Frühstückmachen eingeteilt. "Was möchten Sie auf das Brot gemacht bekommen". Sie sah aufmerksam in mein verzweifeltes Gesicht. Dann schob sie mich mit dem Rollstuhl zu ihrem Schwesterntisch. "Zeigen Sie mir, was ich Ihnen auf das Brot schmieren soll!" Sie wartete geduldig. Mit einem erleichterten Seufzer zeigte ich mit den Fingern, was ich wollte: Teewurst. Ich habe vor Glück fast geweint, als ich die Teewurststulle dann ganz andächtig und genüsslich gegessen habe.

Hilfreich war beides für mich:

Die Ungeduldigen und Bevormundenen haben dafür gesorgt, dass ich unbedingt zu meiner eigenen Sprache kommen wollte - ausdrücken wollte, was ich will. Sie haben mich veranlasst zu arbeiten, weiterzukommen. Irgendwie in Richtung Selbständigkeit zu gehen. Aber es war sehr anstrengend.

Die Sensiblen haben meiner Seele unendlich gut getan - und mich mit Seufzern der Erleichterung ausatmen und durchatmen lassen. Ich wurde verstanden. Mein Gott - wie wundervoll!!! Sie haben mich hoffen lassen, dass es irgendwie gut wird - auch wenn es gar nicht so aussieht.

Gabriele Weiß, den 02.02.12

 

 

Stefan Mix

Die psychische Verfassung nach dem Schlaganfall: Der lange Weg der Krankheitsbewältigung

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Die Reaktionen nach dem Schlaganfall

Ein Schlaganfall verändert das Leben eines Menschen innerhalb weniger Minuten. Die emotionalen Folgen zeigen sich dagegen erst nach und nach. Zunächst sind emotionale und körperliche Reaktionen kaum voneinander zu trennen. Eine ungekannte Schwäche und Lähmungen, Sprachverlust sowie Veränderungen des Denkens führen im Notfall zu Aufregung, Hilflosigkeit und Angst. Erst wenn sich die körperliche Verfassung stabilisiert hat, wird deutlich, ob Behinderungen eingetreten sind, die sich nicht spontan zurückbilden. Diese Phase ist geprägt von Bestürzung: "Das kann doch gar nicht sein!" - "Warum gerade ich?" - "Was soll nun werden?"

Nach und nach wird das tatsächliche Ausmaß der Einbußen und Einschränkungen sichtbar. Das bedeutet aber nicht, dass sich Betroffene der Leistungsminderungen immer bewusst sind. Manche Defizite können sie aufgrund ihrer Hirnschädigung nicht erkennen, manche Behinderungen sind so ausgeprägt, dass es schwer fällt, sich die Schwäche einzugestehen. Dennoch beginnt nun das Mobilisieren der Kräfte gegen die Folgen der Erkrankung. Dabei wechseln sich Fortschritte, Rückschläge oder auch zwischenzeitliche Stagnation ab. Dies kann Betroffene in ein Wechselbad von Gefühlen tauchen. Auch wenn sich dann während einer Rehabilitation allmählich Erfolgserlebnisse einstellen, ist es in einer späteren Phase unumgänglich, sich mit den verbleibenden Behinderungen auseinanderzusetzen und sich neu zu orientieren: "Wie kann ich mit den verbleibenden Behinderungen mein Leben gestalten?" - "Was schaffe ich aus eigener Kraft?" - "Welche Menschen stehen mir zur Seite?" - "Welche Hilfen kann ich in Anspruch nehmen?"

Verlust von Gesundheit - Psyche aus dem Gleichgewicht

Die psychische Bewältigung dieser Situation hängt zunächst vom Verlusterleben ab. Machtlos eine Veränderung des Körpers zu erleben und den Körper nicht mehr unter Kontrolle zu haben, ist eine extreme Erfahrung. Zu erkennen, dass die Folgen der Erkrankung nicht ohne fremde Hilfe zu bewältigen sind, muss erst verarbeitet werden. Hinzu kommt, dass der Verlust der bisherigen Rolle in einer Partnerschaft oder in der Familie droht und möglicherweise auch die Berufs- oder Erwerbsfähigkeit gefährdet ist.
Die emotionalen Reaktionen auf gravierenden Einschnitte in den Lebensverhältnissen durch die Erkrankung können vielfältig sein: Enttäuschung, Verunsicherung, Scham und Hoffnungslosigkeit gehen einher mit Gefühlsschwankungen und Gereiztheit. Resignation und Wertlosigkeitsempfinden, fehlendes Selbstvertrauen und Interesselosigkeit sind mögliche Folgen. Dies reicht unter Umständen sogar so weit, dass das Leben nicht mehr als lebenswert angesehen wird. Sätze wie "Vielleicht wäre es besser gewesen, man hätte mich nicht aufgefunden!" oder: "So möchte ich nicht weiterleben!" erschrecken die Angehörigen, die den Betroffenen stützen wollen. Mit den Äußerungen wird aber vor allem das Erleben von Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck gebracht und nicht ein tatsächlich fehlender Lebenswille. 
Starke emotionale Reaktionen können heftige körperliche Reaktionen auslösen. Schlafstörungen, fehlende Kontrolle über die Körperfunktionen und Störungen der Wahrnehmung können Angstgefühle mit Anspannung, diffuser Unruhe, Herzrasen und Schweißausbrüchen hervorrufen. Appetitmangel und Störungen der Verdauungsfunktionen sind oft weitere körperliche Reaktionen auf ein unausgeglichenes psychisches Gleichgewicht.

Das Tief überwinden - nicht ohne Hilfe

Heftige Emotionen sind zunächst eine angemessene Reaktion auf einen tiefen Einschnitt im Leben. Diese können helfen, die neue Situation psychisch zu verarbeiten. Manchmal sind die veränderten Emotionen jedoch auch Folge der Hirnschädigung selbst, da auch deren Kontrolle gestört sein kann. Je nach Persönlichkeit des Betroffenen können aber auch die Bewältigungsstrategien des Menschen nicht ausreichen, ohne Hilfe mit der veränderten Situation zurechtzukommen. Daher muss beurteilt werden, ob sich aus der veränderten Gefühlslage eine behandlungsbedürftige psychische Störung, z. B. eine Depression oder eine Angststörung, entwickelt. Anhaltende Niedergeschlagenheit, verminderter Antrieb, fehlende Lebensfreude, mangelnde Zuversicht bis zu Hoffnungslosigkeitsgefühlen sind ebenso deutliche Anzeichen für eine Hilfsbedürftigkeit wie permanente Unruhe, Reizbarkeit, dauerhafte Schlafstörungen und Appetitmangel. Anzeichen für eine behandlungsbedürftige psychische Störung sind auch ein vermindertes Selbstwertgefühl oder die mangelnde Fähigkeit, Interesse an vertrauten Menschen oder an früheren Hobbys zu zeigen.  
Psychische Störungen können sich sehr ungünstig auf den Verlauf der Erkrankung und die Bewältigung der Folgen des Schlaganfalls auswirken. Deshalb gilt es, sie schnell zu erkennen und dem Betroffenen eine gezielte neuropsychologisch-psychotherapeutische und gegebenenfalls medikamentöse Behandlung anzubieten. Dies sollte durch besonders qualifizierte Fachärzte und Neuropsychologen eingeschätzt werden.  

Was kann nun aber helfen, das emotionale Gleichgewicht so gut wie möglich wiederzuerlangen? Wichtig ist, die tatsächlichen Folgen der Erkrankung, den tatsächlichen Verlust klar zu bilanzieren. Wohlmeinende, aber unmäßig optimistische Äußerungen, sind dabei meist nicht hilfreich. Dagegen stehen die Stärkung des Selbstwertgefühls des Betroffenen, dessen emotionale Unterstützung, aber vor allem auch die Vermittlung konkreter praktischer Hilfen und die Unterstützung durch verlässliche Bezugspersonen im Vordergrund. Häufig ist es allerdings für den Betroffenen ein schwieriger Lernprozess, Hilfe anzunehmen. Sich den Verlust von uneingeschränkter Selbstständigkeit einzugestehen oder auch das Gefühl zu haben, die Hilfe nicht in gleicher Weise vergelten zu können, lässt manche Menschen Hilfe nur zögerlich annehmen oder sie sogar manchmal zurückweisen.  
Wie der Einzelne auf die Lebenskrise reagiert und wie ihm geholfen werden kann, hängt unter Umständen auch davon ab, wie der Betroffene früher mit kritischen Lebenssituationen umgegangen ist und ob schon zuvor psychische Erkrankungen wie Depression oder Angststörung auftraten. Dies kann für die psychotherapeutische Behandlung wichtig sein, da der Betroffene vielleicht Verhaltensmuster zeigt, die für die Bewältigung der aktuellen Krise mehr oder weniger hilfreich sein können.

Leben mit Behinderung - immer wieder eine Herausforderung

Eine neue Sichtweise allein führt nicht wieder zu einem befriedigenden Leben. Die schmerzliche Erfahrung der ungewollten Veränderung des Lebens und die täglich spürbaren Auswirkungen von Behinderungen sind oft gravierend. Auch wenn Betroffene für sich einen Weg finden, mit der Situation umzugehen, gibt es immer wieder Zeiten, in denen Kraft-, Mut- und Lustlosigkeit die Stimmungslage prägen. In diesen Zeiten benötigen der Betroffene und oft auch dessen Partner professionelle Hilfe. Angehörige oder andere Bezugspersonen erleben meist selbst eine große Hilflosigkeit angesichts der gravierenden Veränderungen eines Menschen durch eine schwere Erkrankung. Dies kann sogar dazu führen, dass sie sich der neuen Situation gar nicht mehr gewachsen fühlen. Auch diese Gefühle müssen sehr ernst genommen werden, da permanent überforderter Angehörige die eigene körperliche oder psychische Gesundheit gefährden und dadurch nur noch unzureichend helfen können.  
Um dem vorzubeugen, lohnt es sich, immer wieder gemeinsam mit dem Betroffenen oder anderen nahestehenden Menschen nach Möglichkeiten zu suchen, diese schwierige Lebenssituation zu bewältigen. Dabei kann es hilfreich sein, sich in Selbsthilfegruppen mit Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zusammenzutun. Nichts zu tun und den Betroffenen sich selbst zu überlassen, kann nicht die Lösung in einer Lebenskrise sein.  

Autor:
Diplom-Psychologe Stefan Mix, Klinischer Neuropsychologe GNP Evangelisches Geriatriezentrum Berlin und Forschungsgruppe Geriatrie
Charité - Universitätsmedizin Berlin

Kerstin Reimers

Neuropsychologische Störungen und ihre Behandlung

 

 

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Neuropsychologische Störungen und ihre Behandlung

Vom Schlaganfall Betroffene werden abrupt aus ihrem gewohnten Leben gerissen, fühlen sich häufig hilflos und mit der neuen Situation überfordert. Sie können neben unter vordergründig oft sichtbaren körperlichen Symptomen auch unter komplexen Störungen ihrer kognitiven und emotionalen Fähigkeiten leiden. Ihre Angehörigen erleben den Partner mitunter als in seinem Verhalten und seiner Persönlichkeit verändert.  

Neuropsychologen in Rehabilitationskliniken und freien Praxen helfen dem Betroffenen und dessen Angehörigen, die veränderte Situation zu gestalten, mit dem Schlaganfall und dessen Folgen leben zu lernen. Ziel ihrer Tätigkeit ist es, die verbliebenen Ressourcen des Betroffenen zu erkennen und zu fördern, um ihnen eine optimale Wiedereingliederung in das Berufs-, Sozial- und Familienleben zu ermöglichen. Sie erfassen, ob und in welchem Ausmaß kognitive Leistungsminderungen, Verhaltensänderungen und Änderungen in der Befindlichkeit, im emotionalen Erleben vorliegen. Hierzu gehören u.a. Untersuchungen von

  • Aspekten der Aufmerksamkeit
  • Lernen und Gedächtnis
  • Planen, Handeln und Problemlösen
  • Wahrnehmung und Orientierung
  • Sehen/Gesichtsfeld
  • Verhalten, Affektivität und Befindlichkeit 

In der Regel sind auch nach einem Schlaganfall nicht alle Systeme gleichermaßen zusammengebrochen. Jeder Mensch verfügt auch in dieser Situation über Stärken und ggf. Leistungsminderungen, die der Neuropsychologe in Gesprächen sowie mit Hilfe von effektiven und wissenschaftlich geprüften Testverfahren erfasst und beschreibt. Aufmerksamkeitsdefizite sind das häufigste neuropsychologische Defizit nach Schlaganfall. Patienten mit Aufmerksamkeitsdefiziten beschreiben häufig folgende Schwierigkeiten:

  • Es fällt mir auf, dass ich für alltägliche Verrichtungen viel Zeit brauche.
  • Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, wenn viel um mich herum los ist.
  • Alltäglichkeiten strengen mich sehr an. Ich bin oft müde und erschöpfe schneller.
  • Wenn ich lese, geschieht es, dass ich gar nicht merke, was ich lese. 

Gedächtnisstörungen werden von Betroffenen und deren Angehörigen oft wie folgt beschrieben:

  • Ich vergesse Namen und Gesprächsinhalte,habe Schwierigkeiten, eine neue Aufgabe zu erlernen.
  • Mein Partner beklagt, dass ich ständig ein und dieselbe Frage stelle, dieselbe Geschichte erzähle.
  • Ich vergesse, wo bestimmte Gegenstände hingelegt wurden, vergesse Termine. (usw.)

Patienten mit Gedächtnisstörungen sind oft sehr verunsichert, verlieren das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Ebenso belastend und behandlungsbedürftig wie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen können Gesichtsfeldausfälle, Wahrnehmungsstörungen, Schwierigkeiten im planvollen Handeln und auch psychische Probleme, insbesondere Depressionen, sein. Depressionen sind die häufigste psychiatrische Komplikation nach einem Schlaganfall. Depressive Symptome haben oft einen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung, auf die Bewältigung der Krankheitsfolgen und müssen zwangsläufig behandelt werden. Ziel ist es, die psychische/emotionale Situation des Betroffenen zu verbessern, zu stabilisieren.  
Ausgehend von den Ergebnissen der neuropsychologischen Untersuchung plant der Neuropsychologe gemeinsam mit dem Betroffenen und gegebenenfalls dessen Kontaktpersonen dessen Behandlung. Therapeut und Betroffener analysieren gemeinsam, unter welchem Problem der Betroffene seit dem Schlaganfall vorrangig leidet, was er selbst verbessern/ändern möchte. Es werden Therapieziele vereinbart. Der Therapieansatz richtet sich danach, welches Therapieziel erreicht werden soll. Soll die kognitive Leistungsfähigkeit verbessert/gesteigert werden, kann beispielsweise

  • durch eine übende, oft computergestützte Behandlung eine Wiederherstellung der fehlenden/gestörten Funktion erfolgen,
  • die ausgefallene Funktion durch den Einsatz von spezifischen Strategien und/oder externen Hilfsmitteln ersetzt werden.  

Eine Änderung des Verhaltens hingegen erfordert den Einsatz von verhaltensmodifizierenden Verfahren - immer auch unter Berücksichtigung der kognitiven Situation (z.B. Aufmerksamkeits-, Gedächtnisstörungen).
Abschließend möchte ich anmerken, dass es immer eine Möglichkeit gibt, mit dem Betroffenen und dessen Angehörigen unter Berücksichtigung seiner aktuellen (verbliebenen) Leistungsfähigkeit und den veränderten Bedingungen ein neues Leben zu gestalten.

Im Vordergrund steht immer, "Hilfe zur Selbsthilfe" zu geben.

Literaturverzeichnis:

Sturm/Herrmann/Münte (Hrsg) "Lehrbuch der klinischen Neuropsychologie". 2. Aufl.; Spektrum Akademischer Verlag, 2009Zeitschrift: Fortschritte der Neuropsychologie. Band 4. "Aufmerksamkeitsstörungen" von W. Sturm./  Band 5. "Gedächtnisstörungen nach Hirnschäden" von A. Thöne-Otto und H.J. Markowitsch. Hogrefe Verlag GmbH

Autorin:
Dipl.-Psych. Kerstin Reimers
Freie Mitarbeiterin in der Praxis für Neuropsychologie und Psychotherapie
Inhaber: Dipl.-Psych. Suzan Kabbert-Hättig, Dr. Heinz Hättig, Dipl.-Psych. Hindenburgdamm 74, 12203 Berlin, Telefon: 030 85964403

Kerstin Reimer

Die neuropsychologische Behandlung in einer ambulanten Praxis - ein Überblick

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Was ist eine neuropsychologische Behandlung?

Eine neuropsychologische Behandlung ist ein wissenschaftlich begründetes psychologisches Therapieverfahren zur Behandlung von Menschen mit kognitiven und emotional-affektiven Störungen. Behandler sind Diplompsychologen mit der Zusatzqualifikation "Klinische/r Neuropsychologin/e GNP", die in der Regel auch Psychologische Psychotherapeuten sind.
Klinische Neuropsychologen behandeln zum einen Menschen mit hirnorganisch bedingten Störungen. Hierunter versteht man z.B. Störungen in den Bereichen von Aufmerksamkeit und Konzentration, Lernen und Behalten, Planen, Handeln und Problemlösen, Wahrnehmen und Orientieren oder Schwierigkeiten im Bereich des Sehens. Außerdem können Menschen mit emotional - affektive Störungen behandelt werden. Emotional - affektive Störungen umfassen zum Beispiel Änderungen des Verhaltens (der Betroffene ist seit dem Schlaganfall möglicher Weise ungesteuert aufbrausend), der Affektivität (er weint plötzlich grundlos) und der Befindlichkeit, Schwierigkeiten in der Verarbeitung der Erkrankung (was zu Depressionen führen kann) und der Störungseinsicht.

Wie sieht der Ablauf einer neuropsychologischen Behandlung aus?

Voraussetzung für eine ambulante neuropsychologische Behandlung ist eine umfassende neuropsychologische Diagnostik. Diese dient folgenden Zielen:

  • verbliebene Ressourcen des Betroffenen erkennen und fördern, um ihm eine optimale Wiedereingliederung in das Berufs-, Sozial- und Familienleben zu ermöglichen
  • erfassen, ob und in welchem Ausmaß kognitive Leistungsminderungen, Verhaltensänderungen und Änderungen in der Befindlichkeit sowie im emotionalen Erleben vorliegen

Die Ergebnisse der neuropsychologischen Diagnostik werden mit dem Betroffenen besprochen. Es erfolgt eine individuelle Therapieplanung. Therapeut und Patient erstellen gemeinsam einen umfassenden Behandlungsplan, der das individuelle Anliegen des Betroffenen an die Therapie maßgeblich mit berücksichtigt.
Die Behandlung erfolgt in einem Umfang von wöchentlich einer bis zwei Therapieeinheiten, die jeweils mindestens 50 min dauern. Die Behandlung umfasst insgesamt etwa 25 bis 50 Therapieeinheiten, je nachdem, welche Behandlungsziele festgelegt wurden. Ziel einer Behandlung kann unter anderem. eine Verbesserung der Gedächtnisleistung sein.

Wer trägt die Kosten für eine ambulante neuropsychologische Behandlung?

Kostenträger für die neuropsychologische Therapie sind ausschließlich die gesetzlichen und privaten Krankenkassen. Die Beihilfe beteiligt sich anteilig an den Therapiekosten. Rentenversicherungen bezahlen keine ambulanten Einzelleistungen.

Wie ist die Kostenübernahme im Moment geregelt?

Seit dem 23. Februar 2012 können Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen eine neuropsychologische Behandlung als eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen in Anspruch nehmen. Entsprechend der Änderung der Richtlinien Methoden vertragsärztlicher Versorgung hat der Versicherte somit einen Rechtsanspruch auf die Behandlung seiner kognitiven und emotional-affektiven Störungen (nachzulesen im Bundesanzeiger "BAnz. Nr. 31, S. 747" vom 23.2.2012). In diesem Zusammenhang möchte ich auf das Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit an den Gemeinsamen Bundesausschuss vom 30. Januar 2012  hinweisen, in dem bezweifelt wird, dass genügend Leistungserbringer zur Verfügung stehen und bis zu einer Klärung unbürokratische Kostenerstattung geleistet werden sollte.  
Prozedere: Der Therapeut stellt im Auftrag des Betroffenen einen begründeten Antrag an die Krankenkasse. Dem Antrag muss eine Notwendigkeitsbescheinigung (Verordnung) des behandelnden Neurologen bzw. eines Neurochirurgen beigelegt werden. 
Die Kosten für eine Therapieeinheit neuropsychologische Behandlung (50 min) betragen 81,14 Euro. Dieser Antrag wird dann von der Krankenkasse geprüft.  

Autorin:
Dipl.-Psych. Kerstin Reimers
Freie Mitarbeiterin in der Praxis für Neuropsychologie und Psychotherapie
Inhaber: Dipl.-Psych. Suzan Kabbert-Hättig, Dr. Heinz Hättig, Dipl.-Psych. Hindenburgdamm 74, 12203 Berlin, Telefon: 030 85964403

 

 

Elisabeth Albrecht

Bewältigungsstrategien im Umgang mit einem Schlaganfall

 

 

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Ein Schlaganfall kommt unangekündigt und unerwartet und stellt in der Akutphase eine Lebensbedrohung dar. Die meisten Betroffenen müssen sich mit Einschränkungen oder Behinderungen auseinandersetzen und stehen vor der Frage: wie gehe ich mit dieser (beängstigenden) Erfahrung um?

Was heißt Coping?

Ein Schlaganfall ist im Leben eines Betroffenen und dessen Angehörigen immer ein "kritisches Lebensereignis". Reagiert wird darauf oft mit Stress, weil das eigene Leben aus den Fugen, ins Ungleichgewicht geraten ist. Unter Coping versteht man Bewältigungsstrategien, die der Wiederherstellung des Gleichgewichts dienen. Das heißt, dass wir in einer bedrohlichen Situation überprüfen, ob wir über die nötigen Mittel verfügen, diese Situation zu bewältigen. Das tun wir automatisch und nicht immer bewusst. Zu den "Mitteln" zählen zum einen persönliche Eigenschaften: z. B. Ängstlichkeit, ein starker Wille oder Humor. Zum anderen spielen Aspekte der persönlichen Umwelt eine Rolle wie finanzielle Ressourcen, ein soziales Netz oder die Qualität der medizinischen Versorgung. Werden die zur Verfügung stehenden Mittel als angemessen und hilfreich betrachtet, mit der Erfahrung "Schlaganfall" umzugehen, stellt sich die Situation zwar als belastend, aber nicht als aussichtslos dar. Ist dies nicht der Fall, können aufgrund der Überforderung negative Gefühle, häufig Beeinträchtigungen des Selbstwertgefühls, Trauer, Ärger oder Angst erlebt werden. Dies mündet mitunter in eine Depression.

Was gibt es für Bewältigungsstrategien?

Es werden zwei Formen von Bewältigungsstrategien unterschieden. Zum einen gibt es das Problembezogene Coping. Das ist der Versuch, die Belastungen, die mit der Erkrankung einhergehen, gering zu halten. Darunter fällt, dass Patienten soziale Beziehungen pflegen, ihre Hobbies weiterführen oder sich ausführlich über die Erkrankung informieren. Das Emotionsbezogene Coping beeinflusst hingegen v. a. den Gefühlshaushalt im Umgang mit der Situation. Das heißt, dass manchmal Auseinandersetzungen mit der Erkrankung und ihren Folgen vermieden werden, um Angst, Ärger oder Trauer darüber nicht spüren zu müssen. In anderen Fällen wird die Trauer wiederum sehr intensiv ausgelebt.

Die "richtige" Bewältigungsstrategie?

Bewältigungsstile, die sich häufig zeigen sind z. B. "für die eigene Gesundheit zu kämpfen" oder -gegenteilig- "die Krankheit verleugnen". Einige Patienten empfinden es als entlastend, Entscheidungen den behandelnden Ärzten zu überlassen. Andere hingegen suchen zahlreiche Informationen und vertrauen lieber auf die eigene Urteilskraft. Wieder andere ermutigen sich damit, dass es Menschen gibt, denen es noch schlechter geht als ihnen selbst. Manche Menschen versuchen dem erlebten Schlaganfall einen Sinn zu geben, um ihn besser verarbeiten zu können. Welchen Copingstil eine betroffene Person wählt, hängt nicht zuletzt davon ab, was die Person von sich aus mitbringt. So neigen ängstliche Menschen eher zu Vermeidungsstrategien, depressive Menschen verhalten sich eher passiv. Menschen, die über emotionale Stabilität und/oder Optimismus verfügen, empfinden belastende Situationen seltener als überfordernd und stehen deshalb in der Regel weniger unter Stress. Um herauszufinden, zu welchen Copingstilen man neigt, ist es hilfreich zu überlegen, wie man in der Vergangenheit auf schwere Zeiten oder Lebenskrisen reagiert hat. Und noch wichtiger: zu überlegen, was geholfen hat. Findet man Aspekte, die geholfen haben, sollten diese aktiviert werden. Finden sich keine, darf ausprobiert werden: Sind es Spaziergänge? Sind es Gespräche und wenn ja, mit wem? Hilft es zu trauern? Oder hilft es alte Hobbies aufleben zu lassen? Wird es als hilfreich erlebt über die Behandlung von Schlaganfällen zu lesen oder eben gerade nicht? Ist vielleicht professionelle Hilfe notwendig, weil mit einer Depression reagiert wurde?

Was können Angehörige tun?

Soziale Beziehungen und soziale Unterstützung sind hilfreich und schützen die Betroffenen vor einer depressiven Reaktion. Emotionale Unterstützung, in Form von Zuwendung durch Besuche und Verständnis für die Situation des Erkrankten, wird als genauso wichtig und hilfreich erlebt, wie andere eher praktische Unterstützungsformen: Einkäufe erledigen, den Hund ausführen, beim Ausfüllen von Anträgen zu helfen oder gemeinsame Ausflüge zu ermöglichen. Doch kann zu viel Hilfe als erdrückend erlebt werden. Häufig fühlen sich die Betroffenen in ihrer Autonomie eingeschränkt und auf die Krankenrolle reduziert, wenn ihnen alles abgenommen wird. Weil auch Angehörige nicht alles tragen können, sollte bereits so früh wie möglich Unterstützung außerhalb der eigenen Familie gesucht werden. Das können Freunde, Nachbarn oder Kollegen sein. Gegebenenfalls sollte professionelle Unterstützung, von Psychotherapeuten, Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen oder von den betreuenden Ärzten hinzugezogen werden.

Fazit

Es gibt nicht den Bewältigungsstil für den Umgang mit einem Schlaganfall, genauso wenig wie den richtigen, sondern es muss immer darum gehen, dass es dem Betroffenen subjektiv gut geht. Das zu erreichen ist häufig kein leichter Weg, der weder allein gegangen werden muss, noch allein gegangen werden sollte.

Literatur:
Perrez, M. et al. (2005): Psychologische Faktoren: Stress und Coping. In: Perrez, M. u. Baumann, U. (Hrsg.): Lehrbuch Klinische Psychologie-Psychotherapie. Bern.Schulz, Peter und Hellhammer, Dirk (1998): Psychologische Aspekte chronischer Krankheiten. In: Reinecker, H. (Hrsg.): Lehrbuch Klinische Psychologie, S. 624 - 649.
Bengel, J. et al. (2003): Chronische Erkrankungen, psychische Belastungen und Krankheitsbewältigung. Herausforderungen für eine psychosoziale Versorgung in der Medizin. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, 53 (2), 83 - 93.  

Autorin:
Dipl.-Psych. Elisabeth Albrecht, DRK Kliniken Berlin Köpenick

Gabo

Ein neuer Beginn in unseren Gehirnen - die Neuroplastizität wartet darauf, nun intensiv genutzt zu werden!

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Motivation zu üben und langfristige Krankheitsbewältigung
Auch mich traf ein Schlaganfall mit linksseitiger Lähmung, Neglect (= fehlende Wahrnehmung eines Teils des eigenen Körpers) in der linken Hand und starken Sensibilitätsstörungen (Taubheit) in Hand und Gesicht. Als Kunsttherapeutin, Heilpraktikerin (Psychotherapie) und Schlaganfallbetroffene interessiert mich sehr der Aspekt der Motivation: Wo können wir Kraft tanken, unser Schicksal anzunehmen und damit umzugehen? Wie bleiben wir dran -  zu üben und zu trainieren? Was wissen wir über die Möglichkeiten unseres lernfähigen Gehirns?  

Mein Glück sind meine beiden Blickwinkel, den der Betroffenen und den der psychologisch arbeitenden Therapeutin. Krankenhaus und Reha können nur Start-Impulse geben und einen Rahmen zur Rehabilitation anbieten: durch Eigeninitiative und Mobilisierung der Selbstheilungskräfte nimmt die Genesung einen günstigen Verlauf. Diese Erfahrung möchte ich gerne an Sie weitergeben und Hoffnung machen. Mit neuen Erfahrungen kann sich die innere Einstellung verändern! 

Begonnen hat mein Interesse an der Rehabilitation nach meinem Gehirnschlag erst in meiner zweiten ambulanten Reha, genau in dem Moment, als ich erfuhr, dass es die „Neuroplastizität“ gibt: die Reorganisation des Gehirns an die neue Lebenserfahrung nach dem Schlaganfall.  

Die Gehirnforschung weiß, dass das Gehirn sich umstrukturieren kann, sich auf neu gelernte Bewegungsabläufe oder Sprache einlassen kann - sozusagen zeitlebens in der Lage ist, sich neu zu verschalten. Sich so neuverschaltet wie es genutzt wird.    

Das ist die Chance für uns Schlaganfallbetroffene!
Für Menschen mit Schlaganfall gilt es im Gehirn einen neuen Schaltplan für z.B. verlorengegangene Bewegungsabläufe oder die Sprache aufzubauen. Dass dies so ist, müssen wir wissen – das muss uns jemand sagen! Zur Neuroplastizität des Gehirns können Sie im Buch "Als mich der Schlag traf" ab Seite 89 mehr lesen.  

Im Laufe der Zeit ist für mich immer deutlicher geworden, dass viele Patienten aufgeben, weil sie diese Information nicht haben, weil das anstrengende Üben bei Lähmungen und Sprachstörungen ihnen aussichtslos, ja sinnlos erscheint. Ich möchte herausfinden, was Menschen brauchen, um nach schweren Schicksalsschlägen, wie es ein Schlaganfall ist, wieder auf die Beine zu kommen. Was sie brauchen, um wieder gerne zu lernen, denn aus Neu-Lernen besteht unser ganzes weiteres Leben. Lernen begleitet auch mein Leben – ich bin immer im Prozess. Manchmal vergesse ich jedoch, den aktuellen Stand meiner Rehabilitation wahrzunehmen und zu überprüfen: Mir fiel auf, dass es Sinn macht hin und wieder den Körper zu befragen, ob diese oder jene Bewegung wirklich immer noch nicht funktioniert. Durch das Training hat sich oft schleichend und unbemerkt etwas zum Positiven entwickelt, was wir Betroffene gar nicht mitbekamen. Interessanterweise ist es dann manchmal schwer, sich darüber zu freuen und den erneuten Fortschritt anzuerkennen. Wir hatten unser Leben doch schon so schön auf das Defizit ausgerichtet. Ich z. B. kann mittlerweile mit hoher Konzentration mit Messer und Gabel essen, verdränge es aber häufig, weil nur mit der Gabel zu essen doch so angenehm unkompliziert war und ist.    

Erlernte Nichtbenutzung -  Learned Nonuse
Ausgehend von der Idee, dass ein Mensch mit Schlaganfall langfristig deshalb seinen Arm, seine Hand, sein Bein, etc. nicht benutzen kann, weil sein Gehirn unmittelbar nach dem Schlaganfall gelernt hat, ihn nicht zu benutzen, startete Prof. Dr. Edward Taub schon vor 30 Jahren eine erfolgreiche Testreihe. In der ersten Zeit nach dem Schlaganfall befindet sich der Körper in einem Schockzustand  - jeder Versuch, den gelähmten Körperteil zu bewegen, scheitert. Mit dem Ergebnis, dass nur noch der „gute“ Arm, etc. benutzt wird, denn das bringt eine positive Verstärkung im Gehirn. Das Bewegungsprogramm des betroffenen Körperteils verkümmert mehr und mehr – und das Programm der anderen Seite wird gestärkt. Edward Taub nannte dieses Phänomen: Learned Nonuse. Durch das ständige Einsetzen des funktionierenden Körperteils erhält das Gehirn im betroffenen Areal keine Gelegenheit mehr zu lernen.  

Edward Taub hinderte in seinen genialen Experimenten mit Affen die Tiere daran diese Nichtbenutzung zu erlernen. So entstand die Forced Use Therapie (Taubsche Bewegungsinduktionstherapie oder Constraint Induced Movement Therapy); bei der wird z. B. die gesunde Hand in eine jederzeit ablegbare Schiene gelegt, so dass nur noch die betroffene Hand eingesetzt wird. Tatsächlich ist die erlernte Nichtbenutzung noch Jahre später korrigierbar. Taub erkannte, dass bei der Behandlung von Schlaganfallpatienten nicht nur die massive Gehirnschädigung, sondern zusätzlich auch die erlernte Nichtbenutzung therapiert werden muss. Mit Hilfe von Kontrolluntersuchungen konnte er nachweisen, dass 80 Prozent aller Schlaganfallpatienten, die einen ihrer Arme nicht bewegen konnten, in erkennbarem Maße von seiner Therapie profitierten. Obwohl die Areale im Gehirn tatsächlich verschwunden waren, strukturierte sich das Gehirn durch den neuen Input um und ließ sich auf die neu gelernten Bewegungen ein.  

Ein Werk der Neuroplastizität in unseren Gehirnen! Sie ist einfach da und lässt sich nicht abschalten. Sie steht uns zur Verfügung und möchte genutzt werden!      

Lit.:
Neustart im Kopf, Norman Doidge, 2014, Campus Verlag
Embodiment, Gerald Hüther et al., 2011, Verlag Hans Huber

Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe: Leben und Lieben nach Schlaganfall

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Schöne Menschen in erotischen Situationen - die Medien sind voll davon. Doch trotz dieser Freizügigkeit ist die Sexualität behinderter Menschen nach wie vor mit Tabus belastet. Betroffene, deren Partner und Partnerinnen, Angehörige, Ärzte und Therapeuten können dies ändern, indem sie sich für das Thema Liebe und Sexualität nach dem Schlaganfall öffnen. Als Ansprechpartner stehen außerdem zahlreiche Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen und Behindertenorganisationen zur Verfügung. Hier kann in einem geschützten Rahmen darüber nachgedacht werden, mit welchen Modifikationen die bislang gewohnte, persönliche und sexuelle Freiheit weiterhin gelebt werden kann. Denn das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung gilt für Frauen und Männer, die - nach einem Schlaganfall ganz plötzlich - mit einer Behinderung leben müssen ebenso, wie für alle nicht behinderten Mitmenschen. Dennoch soll nicht der Eindruck entstehen, Liebe und Glück seien ohne Sex nicht möglich. Der Stellenwert von Sexualität ist in jeder Partnerschaft und zu jedem Zeitpunkt dieser Partnerschaft anders. Grundsätzlich gilt: Durch einen Schlaganfall werden die sexuellen Bedürfnisse und die sexuelle Leistungsfähigkeit der Betroffenen nicht zwangsläufig beeinträchtigt. Allerdings kann sich durch eine Schädigung des Gehirns oder durch eine bleibende körperliche Behinderung nach dem Schlaganfall das Körpergefühl grundlegend verändern. Damit einhergehende Depressionen können die Libido beeinträchtigen. Um einer körperlichen Entfremdung vorzubeugen, sollten Paare Zärtlichkeiten auch in den schwierigen ersten Wochen und Monaten nach dem Insult nicht abreißen lassen. Behutsamer Körperkontakt gibt den Betroffenen das Gefühl, nach wie vor geliebt zu werden. Ein Gefühl, das im Verlauf der Rekonvaleszenz zur vertrauensvollen Grundlage einer erfüllten, den neuen Umständen angepassten Sexualität werden kann.

Aus medizinischer Sicht

Wie Professor Klaus M. Beier, Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Humboldt-Universität, betont gibt es in der Fachliteratur keine Übereinstimmung bezüglich der Ursachen, die zu einer Abnahme der sexuellen Aktivität nach traumatischen Hirnverletzungen oder Schlaganfällen führen können. Die Sexualmedizin geht deshalb von einer "multifaktoralen Genese sexueller Funktionsstörungen" aus. Das heißt, die körperlichen und seelischen Ursachen, die zu verminderter sexueller Aktivität nach dem Insult führen, können vielseitig sein.
Außerdem weisen die Sexualwissenschaftler der Humboldt-Universität darauf hin, dass sexuelle Beeinträchtigungen nach Hirninfarkten besonders stark vom Lebensalter und von der sexuellen Verfassung vor dem neurologischen Einbruch abhängen. Allerdings beobachteten die Wissenschaftler auch bei Patienten ohne oder mit nur geringen körperlichen Funktionseinschränkungen nach dem Schlaganfall Störungen wie z.B. den Rückgang des sexuellen Verlangens (Appetenzverlust), die Abnahme der Koitusfrequenz - also weniger Geschlechtsverkehr - Erregungs- und Orgasmusstörungen sowie sexuelle Unzufriedenheit. Es liegt also nahe, dass neben klinischen auch psychosoziale und partnerschaftliche Faktoren Probleme beim Sex verursachen können. Insbesondere die Bedeutung der Partnerschaft konnte in neueren Studien aufgezeigt werden. Bereits die Überzeugung, dass ein Schlaganfall negative Auswirkungen auf die Sexualität haben kann, führt möglicherweise zu Störungen im Sexualleben der Betroffenen, so ein Resümee der Forscher.

Ist meine Partnerschaft betroffen?

In Deutschland sind nur vier Prozent aller Behinderten von Geburt an behindert. 96% leben mit einer "erworbenen" Behinderung, z.B. durch einen Schlaganfall. Mit dieser neuen und schwierigen Situation müssen auch Angehörige und Partner fertig werden. Untersuchungen haben ergeben, dass sich Ehemänner häufiger von ihrer Frau trennen, nachdem diese einen Schlaganfall erlitten hat, als es bei umgekehrter Konstellation der Fall ist. Möglicherweise spiegelt sich in der Trennung lediglich der Zustand der Ehe vor dem Schlaganfall wider ? oder das Vorurteil, einer Frau würden mit dem Verlust ihrer körperlichen Beweglichkeit auch ihre Libido und ihre sexuellen Fähigkeiten abhanden kommen. Stattdessen ist erwiesen, dass Frauen große Chancen haben, einige Zeit nach dem Schlaganfall zu der sexuellen Praxis zurückzufinden, die sie schon vor dem Schlaganfall pflegten. Wenn die partnerschaftliche Kommunikation nach dem Schlaganfall durch motorische, sprachliche oder kognitive Defizite erschwert ist, sollte nicht auch noch der körperliche Kontakt aus falsch verstandener Rücksichtnahme abgebrochen werden. Eine stabile Partnerschaft ist für die Betroffenen eine wichtige Ressource zur Erfüllung ihrer psychosozialen Grundbedürfnisse nach Nähe und Geborgenheit. Die neue Situation kann so leichter akzeptiert werden.  

Ärzte, Therapeuten und Pflegepersonal können helfen

Häufig werden Schlaganfallpatienten ohne entsprechende Aufklärung darüber, wie es nun in Sachen Liebe und Partnerschaft weitergehen kann, aus der Klinik oder der Reha entlassen. Patienten, Angehörige oder Partner sollten im Gespräch mit Ärzten und Therapeuten rechtzeitig den Mut aufbringen, ihre Fragen zum Thema Liebe und Sexualität nach dem Schlaganfall zu stellen.
Möglicherweise möchte Ihr Arzt nicht ungefragt in Ihre Intimsphäre eindringen und ist dankbar, wenn man Offenheit und Interesse signalisiert. Denn brennende Fragen wie z. B. ob und wie man mit einer halbseitigen Lähmung oder mit Inkontinenz Sex haben kann, dürfen ebenso wenig unbeantwortet bleiben wie die Frage, ob Mann/Frau noch Kinder zeugen oder bekommen kann. An ungeklärten Fragen können Familien, Lebensgemeinschaften und Partnerschaften zerbrechen. Wieder zu Hause, ist eine vertrauensvolle Beziehung zum Hausarzt wertvoll und beruhigend. Er kann hilfreiche Kontakte zu Fachärzten oder Therapeuten herstellen, falls Ängste, depressive Verstimmungen oder sexuelle Probleme auftreten. Wenn Fragen auftauchen, die man Ärzten oder Therapeuten am Wohnort nicht stellen möchte, kann man sich an eine Selbsthilfegruppe oder eine Beratungseinrichtung wenden. Ein vollständiges Verzeichnis aller Beratungseinrichtungen erhält man über den Service der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA, www.bzga.de).

Weitere Links:

www.sexualmedizin.charite.de

www.dajeb.de

Die Broschüre Leben und Lieben nach Schlaganfall wird von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe herausgegeben und kann unter folgendem Link bestellt werden: http://www.schlaganfall-hilfe.de/index.php?option=com_content&task=view&id=473&Itemid=346

Quelle:
Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe
Carl-Miele-Straße 210
33311 Gütersloh

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